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Wie erleben Menschen mit starken Sehbehinderungen ihre Umgebung?

Badische Zeitung vom 08.05.2019

Bei "Woche der Inklusion" an der Uni-Augenklinik konnten Sehende erfahren, wie Blinde und Sehbehinderte ihre Umgebung wahrnehmen.

Janine Aleksov (von links) mit Hannelore Stubert und Stephanie Schmidt, die Simulationsbrillen tragen: Schwierig wird es, Dinge zu finden, wenn es keine Kontraste gibt. Foto: Ingo Schneider

Janine Aleksov (von links) mit Hannelore Stubert und Stephanie Schmidt, die Simulationsbrillen tragen: Schwierig wird es, Dinge zu finden, wenn es keine Kontraste gibt. Foto: Ingo Schneider

Als sie aufstehen, wird es schwierig: Fünf Mitarbeiterinnen der Uni-Augenklinik haben Simulationsbrillen aufgesetzt. So erleben sie, wie es Menschen mit starken Sehbehinderungen geht. "Ach du Schande", ruft eine von ihnen, als sie sich vorsichtig die Treppe hoch tasten. Oben warten weitere Aufgaben auf sie. Die Veranstaltung "Kontraste helfen schwachen Augen" beim Blinden- und Sehbehindertenverein war eine von vielen während der Woche der Inklusion.

Gesucht werden: eine Brille, ein Schneebesen und Wassergläser. Irgendwo müssen sie sein, irgendwo zwischen den Gegenständen auf vier vollgestellten Tischen. Bloß wo? Die fünf Frauen tasten sich vorsichtig voran, von Tisch zu Tisch, von Gegenstand zu Gegenstand. Janine Aleksov schaut zu. Sie arbeitet als Rehabilitationsfachkraft für Orientierung und Mobilität beim Blinden- und Sehbehindertenverein und trainiert den Umgang mit dem Blinden-Langstock mit denen, die ihn brauchen.

Einblick ins Leben von Menschen mit Sehbehinderung

Und manchmal gibt sie gut Sehenden Einblicke ins Leben von Menschen mit Sehbehinderung – so wie jetzt. Sie rät den Frauen, darauf zu achten, wie sie sich verhalten. "Ich gehe total nah an alles ran", sagt Hannelore Stubert und beugt sich über einen der Tische. Manche Gegenstände nimmt sie in die Hand und hält sie vor ihre Brille. Seit einem Jahr arbeitet sie als Serviceassistentin in der Augenklinik, bringt den Patienten das Essen und ist für alles außer Pflege zuständig.

Die Erfahrung mit der Simulationsbrille findet sie hilfreich, um sich besser in die Patienten einfühlen zu können. Das geht allen so – es ist wie eine andere Welt. "Ich bin völlig verunsichert und habe die Orientierung verloren: Wo ist rechts, wo ist links, wo ist die Tür?", sagt eine der Frauen. Zwischendrin tauschen sie ihre Brillen. Die einen simulieren einen starken Verlust der Sehschärfe, andere einen "Tunnelblick", bei dem man die Welt wie durch ein Schlüsselloch sieht, auch Grüner und Grauer Star und die altersbedingte Makuladegeneration sind dabei.

Starke Kontraste machen das Sehen einfacher

Janine Aleksov knipst abwechselnd das elektrische Licht an und aus und zieht die Vorhänge auf. "Tageslicht ist am angenehmsten", findet Stephanie Schmidt. Sie ist Krankenschwester und seit rund 15 Jahren an der Augenklinik. Die Simulationsbrille macht sie nachdenklich: "Ich staune, wie gut sich meine Patienten orientieren können", sagt sie. Das liege wohl daran, dass sie mit der Zeit alle anderen Sinne immer besser ausbilden. Dafür haben sie und die anderen hier keine Zeit: Sie tun sich schwer, die Brille, die Gläser und den Schneebesen zu finden.

Besonders an einem Tisch scheitern alle – sowohl die zackig gemusterte Tischdecke als auch der Spiegel, die CD, das Sektglas und alles andere auf dem Tisch sind silbern-metallisch. Nichts hebt sich voneinander ab, es gibt keine Kontraste. Mit den Brillen ist alles kaum zu erkennen. Janine Aleksov zeigt, wie viel einfacher es wird, wenn Tische einfarbig sind, mit buntem Geschirr drauf. Wenn nicht alles auf einmal verändert werden kann, können bei weißen Tassen zum Beispiel auch bunte Untersetzer helfen, rät sie.

Solche Tipps sind speziell für einheitliche Kliniken mit gleichförmigen Fluren und Türen wichtig – aber auch für Geschäfte und Aufzüge, die von viel Metallischem geprägt sind, oder die Gestaltung von öffentlichen Plätzen wie dem Platz der Alten Synagoge, wo meist kontrastloses Beige als schick gilt.

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