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Interview "Gute Nachrichten"

Barrierefreiheit betrifft alle!

Die Behindertentoilette am Offenburger Bahnhof ist nun noch barrierefreier. Doch Betroffene wissen: Sowohl am Bahnhof als auch in der Stadt gibt es noch weitere Baustellen.

Von Jenny Hilger

 

Offenburg. Ein falsch positioniertes Schloss, ein schlecht beschrifteter Knopf, eine mangelhafte Beschilderung: Menschen mit Behinderung stehen im Alltag vor vielen Herausforderungen – auch bei öffentlichen Toiletten. "Wir sind Ende 2023 darauf aufmerksam geworden, dass bei der Behindertentoilette Verbesserungen anstehen würden", sagt Anita Diebold, die Behindertenbeauftragte des Ortenaukreises. Am Dienstag wurde die angepasste Behindertentoilette am Offenburger Bahnhof (weitere Standorte siehe Infokasten) nach zwei Jahren Arbeit offiziell vorgestellt.

Die Empfehlungen zur Anpassung der Toilette wurden laut Jule Marschner, Sozialplanerin der Stadt Offenburg, zusammen mit Betroffenen erarbeitet. "Man selbst hat dafür manchmal gar keinen Blick. Betroffene hingegen sind Experten in eigener Sache." Swen Näger vom Blinden- und Sehbehindertenverein Südbaden (BSVSB) ergänzt: "Es sind oft die kleinen Sachen, die erst im Nachhinein auffallen."

 

Zweiter Schlosskasten

Für Rollstuhlfahrer wurde die Nutzung des WCs verbessert: Einen halben Meter vor der Tür wurde ein zweites Schloss ergänzt, damit Menschen im Rollstuhl diese nicht blockieren. Das Schloss direkt neben der Tür, das bereits vorhanden war, ist beispielsweise für Blinde geeignet. Mit dem Euroschlüssel, der europaweit Zutritt zu behindertengerechten WCs verschafft, kann die Toilette nun an beiden Stellen aufgeschlossen werden.

Zudem wurden die Schlosskästen außen und die Knöpfe im Innenraum mit Brailleschrift und Keilschrift (erhabene Buchstaben) versehen. Näger als Betroffener hebt besonders die verbesserten Kontraste hervor: Ein großes blaues Rollstuhlfahrer-Schild an der Tür sowie eine blaue Umrandung erhöhen die Sichtbarkeit der Knöpfe. Zuvor haben sich die grau-silbernen Platten nicht stark von der weißen Wand abgehoben. Besonders die Relevanz von Kontrasten sei den meisten Menschen nicht bewusst – für die Barrierefreiheit sind sie aber entscheidend.

Das barrierefreie WC an sich besteht seit 2007 oder 2008, erinnert sich Stefan Rendler, Ortenauer Bezirksgruppenleiter des BSVSB. Auch er hat als betroffener Experte die Situation vor Ort bewertet. "Die Standard-Toiletten früher haben zur Desorientierung geführt", sagt er. Besonders gut ausgezeichnete Notfallknöpfe seien wichtig, die sich nicht mit anderen Tasten wie dem Türöffner verwechseln lassen. Denn: Mit dem Notfallknopf wird sofort die Feuerwehr alarmiert, will man das eigentlich aber gar nicht, könne ein ausgelöster Fehlalarm teuer werden.

Jetzt können behinderte Menschen einfacher auf die Toilette – doch wie sieht es insgesamt am Bahnhof aus? "Für uns ist es wichtig, dass die Barrierefreiheit auch am Bahnhof und auch an den Gleisen priorisiert wird", sagt Näger vom BSVSB. Die Aufzüge zu den Gleisen bewertet er zwar positiv, denn nicht jeder Bahnhof hat Fahrstühle. Aber: Bei Ausfällen fehle eine barrierefreie Alternative.

 

Veraltete Leitsysteme

Ausbaufähig seien außerdem die Blindenleitsysteme, also die weißen Rillen auf dem Boden. "Oftmals führen sie uns nicht genau an die Treppen. Das kommt leider auf den Bahnhof an", berichtet Näger. In Offenburg gibt es zwar Leitelemente, aber: "Leider haben wir aber auch noch sehr veraltete Blindenleitsysteme, die uns eventuell nicht gerade vor Gefahren warnen." Teilweise seien die Rillen zu klein für die Kugel am Blindenstock und in manchen Bereichen heben sie sich nicht kontrastreich vom Boden ab.

 

Fehlender Kontrast

Näger verweist zudem auf weitere Stellen in der Stadt, etwa in der Lange Straße, wo fehlender Kontrast und eine schwer ertastbare, zu seichte Rille meist nicht einmal als Leitsystem verstanden werden. Vor allem bei Glätte könne sie zudem für Rollstuhlfahrer problematisch werden. Grundsätzlich betont er: "Das Schlimmste ist: Wenn es nicht barrierefrei ist, ist es für alle nicht barrierefrei. Weil: Früher oder später können wir alle an einer Behinderung leiden."

Barrierefreie Anpassungen können einem nicht kleinen Teil der Gesellschaft den Alltag beachtlich erleichtern. Darum sollten bei solchen Veränderungen die Kosten keine Rolle spielen, findet Näger. Das sieht auch Anita Diebold so, die Offenburg zum Vorbild für andere Gemeinden der Ortenau machen möchte: "An Barrierefreiheit sparen bedeutet, an der Gesellschaft zu sparen."