Kleine Lücke, große Hürde
Welche Hürden gibt es für Rollstuhlfahrer und Menschen mit Sehbehinderung im ÖPNV? Diese Frage haben sich Busfahrer der DB Regio bei einem Selbstversuch in Offenburg gestellt.
Von Jenny Hilger, Offenburger Tageblatt, Freitag, 13.03.2026
Offenburg. Mit unsicheren Schritten, nur geleitet von der kleinen Kugel am Ende des Blindenstocks, geht es in eine vollkommen verschwommene Welt. Undeutlich sind gelbe Linien zu sehen, und in einem Bus können das nur die Griffe zum Festhalten sein. Das Hinsetzen hat geklappt – ein Gefühl der Hilflosigkeit bleibt aber. So ging es am Mittwoch einer Gruppe Busfahrer der DB Regio. Im Rahmen der regelmäßigen Weiterbildung stand der Umgang mit behinderten Fahrgästen auf dem Programm. Dieses Mal war neben dem theoretischen auch ein Praxisteil in Zusammenarbeit mit der Behindertenbeauftragten des Ortenaukreises, Anita Diebold, und ihrem Experten-Team von Betroffenen vorgesehen. Das Ziel: die Busfahrer dafür zu sensibilisieren, wie Menschen mit Behinderung den ÖPNV wahrnehmen.
Zwei Behinderungen
Dazu ging es sowohl mit dem Rollstuhl als auch mit Brillen, die verschiedene Sehbehinderungen nachahmen, und Blindenstock in den Bus. Den ersten wichtigen Punkt gab es schon zu beachten, bevor die Busfahrer zum Selbsttest über gingen: Das Fahrzeug muss so nah wie möglich am Bordstein der Haltestelle stehen. Selbst kleine Lücken können für Betroffene schon zu einer großen Hürde werden, wie Malte Langer und Sarah Ziegerer, beide im Rollstuhl, den interessiert nachfragenden Busfahrern er klären. Schon die kleinen Kanten der ausklappbaren Rampe werden zum Problem. Fast alle bleiben im Selbstversuch an ihnen mit dem Rollstuhl hängen – ob vom Kollegen geschoben oder in Eigenregie. „Das ist ziemlich bescheiden“, kommentiert ein Busfahrer seinen Versuch, im Bus mit dem Rollstuhl umzudrehen, um „einzuparken“. „Jetzt verstehe ich mehr, wie schwierig es für behinderte Leute sein kann“, zieht ein Kol lege sein Fazit zur Übung.
Zehn Prozent Sehrest
Parallel versuchen sich die Busfahrer im zweiten Fahrzeug mit Simulationsbrillen und Blindenstock zu orientieren. Joachim Herr, Fahrlehrer bei der DB Regio und zuständig für die Aus- und Weiterbildung von Busfahrern, probiert es mit der Brille, welche den Grau en Star (mit zehn Prozent Sehrest) nachahmt. Andere Brillen simulieren den Tunnelblick mit nur einem kleinen Loch als Sichtfeld und die altersbedingte Krankheit Makula Degeneration mit schwarzen Flecken. Mithilfe Diebolds Führung, dem Blindenstock und den gelben Markierungen sowie Griffen im Bus schafft es Herr trotz der vollkommen ungewohnten Einschränkung zu einem Sitzplatz. „Sehr, sehr hilflos“, beschreibt er seine Erfahrung.
Dass Kontraste für Menschen mit Sehbehinderung wichtig sind, wusste er theoretisch, aber: „Erst durch die Simulationsbrille wurde mir deutlich klar, warum es so wichtig ist. Die Praxis ist unbezahlbar. Es ist gut, üben zu können, ohne dass es direkt ein Ernstfall ist.“ Die Konfrontation mit Dingen, an die bisher noch gar nicht gedacht wurden, hält Herr für ei ne sehr wertvolle Erfahrung für das gesamte Team. Im Gespräch mit den Betroffenen neben den Bussen bekommen die Busfahrer weitere kleine Lektionen. Stefan Rendler, Bezirksgruppenleiter des Blinden- und Sehbehindertenvereins Südbaden, erläutert zum Beispiel, dass eine Blindenbinde – die gelbe Armbinde mit drei schwarzen Punkten – nicht die Kennzeichnungspflicht von Menschen mit Sehbehinderungen erfüllt. Es müsse ein Blindenstock oder ein Hund mit Führgeschirr sein. Er selbst benutzt beides, denn: Ein Hund könne abgelenkt werden.
Mit Gedanken an seinen Blindenhund Elias ergänzt Rendler: „Wenn zum Beispiel jemand mit einem leckeren Wurstbrötchen einsteigt.“ Malte Langer begrüßt zwar hilfsbereite Menschen, aber: „Es ist wichtig, immer zu fragen: „Soll ich helfen?“. “Nicolas Uhl, der mit einem schwereren Rollstuhl als Langers seine Expertise bei der Schulung zum Besten gibt, unterstreicht das: „Das Wichtigste ist Kommunikation.“ Rendler ergänzt, dass es für Blinde oft hilfreich ist, vorn beim Busfahrer zu sitzen, um direkt mit ihm sprechen zu können.
Anbieten statt nötigen
Diebold zeigt, wie es richtig geht: Hilfe anbieten, während dessen mit der Person kommunizieren und auf keinen Fall die Person einfach packen und mitziehen. Ein Busfahrer erzählt vor den Übungen, dass man im Berufsalltag manchmal unter Druck und spät dran ist, und dass es dann schwierig sein kann, sich die Zeit für Fahrgäste mit Einschränkungen zu nehmen. Das sieht auch Diebold, bittet aber in puncto Unfallgefahr, unbedingt mit dem Losfahren zu warten, bis alle Personen sicher am Platz angekommen sind. Sowohl Anita Diebold als auch das Experten-Team sind mit der Schulung zufrieden. „Es wurden viele Rückfragen gestellt, was ein gutes Zeichen dafür ist: Interesse ist da. Und die Bereitschaft, es selbst auszuprobieren“, zieht Uhl sein Fazit. Mit Diebold ist er sich einig, dass es anfangs noch Berührungsängste gab, diese sich aber schnell dank des großen Interesses für die Belange der Betroffenen aufgelöst haben.
Diebold freut sich: „Ich denke, wir haben die Barriere in den Köpfen ein Stück weit abgebaut.“